Reformunfähigkeit am Beispiel Scholl.

21. April 2006 | 08:44 von Björn Hornemann

Mehmet Scholl für DeutschlandAls Jürgen Klinsmann am 26. Juli 2004 sein Amt als Coach der Nationalmannschaft antrat, schien er der Messias des Deutschen Fussballs zu sein. Reformen sollten seine Ära begleiten, man wünschte sich den Umbruch. 2006 nimmt die Neuausrichtung in Form von neuen Trainingsmethoden, Offensiv-Fußball und der Versetzung Oliver Kahns auf die Ersatzbank Gestalt an. Der einst jubelnde Boulevard empört sich und entdeckt Klinsmann als neues Feindbild. Parallel kommen all jene aus der medialen Deckung, die mit dem polarisierenden Klinsmann im Lauf seiner Karriere Konflikte austragen mussten – Matthäus, Effenberg, Breitner. Höhepunkt: Die brüskierten Funktionäre im DFB setzten Klinsmann mit Matthias Sammer einen Aufpasser und vermutlichen Nachfolger zur Seite. Das man damit die Authorität des Bundestrainers massiv beschädigt hat um die eigenen Pfründe zu sichern, zeugt von der Kurzsichtigkeit und Reformunfähigkeit im Verband.

Nachdem die T-Frage essentielle Themen der Gesellschaft an den Rand gedrängt hatte schien Ruhe einzukehren. Doch die nächste Baustelle bahnt sich an: Nation und Bild-Zeitung (mit ihren obengenannten Kolumnisten) fordern Mehmet Scholl. Einen technisch äußerst fähigen Spieler, der mit 35 Jahren langsam das das fussballerische Rentenalter aufziehen sieht. Trotz starker Auftritte in den vergangenen Wochen passt dieser kaum in das Konzept Klinsmanns, eine neue junge Mannschaft aufzubauen die sich über die WM hinaus wieder an die Weltspitze heranspielt und sich vom Phlegma der „deutschen Tugenden“ befreit. Zudem: Wie soll ein Spieler, der selten die vollen 90 Minuten absolviert, als Edeljoker zum erfolgreichen Turnier beitragen? Die Helden vergangener Tage, meist disqualifiziert durch ihre Eskapaden nach der aktiven Karriere, hoffen wohl immer noch auf höhere Weihen. Herbeigeschrieben durch eine bestimmte Boulevardzeitung. Laut Rund Magazin forderte 74´-Veteran Paul Breitner zuletzt die Installation eines Liberos. Mit modernem Fußball hat das nicht mehr viel zu tun und wirklich ernst nehmen kann man Breitner nach solchen Äußerungen nicht mehr. Aktionen wie „Mehmet für Deutschland“ mit ihren 98.000 Unterzeichnern lösen vor allem eines aus: Kopfschütteln.

Zurück zu den „deutschen Tugenden“? Engangement und aggressives Zweikampfverhalten sind wünschenswert, eine Rückkehr zum Rumpelfussball vergangener Tage definitiv nicht. Nicht umsonst haben sich Kombinationsfußball-orientierte Teams wie Werder Bremen oder Mainz 05 mit ihrer attraktiven Spielweise Anhänger in ganz Deutschland erarbeitet. Bleibt zu hoffen, das sich Klinsmann mit seiner Spielphilosophie durchsetzen wird und damit erfolgreich ist. Erfolg bringt eben auch den letzten Kritiker zum Schweigen.

» Bildquelle: fcbayern.de

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11 Kommentare zu “Reformunfähigkeit am Beispiel Scholl.”

  1. Dieter Eilts behauptet:

    Ich fordere übrigens auch einen Libero für schlechte Viererketten, aber auf mich hört ja auch keiner. Da haben der Breitner Paul und Ich das selbe Schicksal

  2. Kalle behauptet:

    Scholl zurück in die Nationalmannschaft? Nei n danke… das wäre wirklich zu viel des Guten für den alten Mann. Aber soweit ich das mitverfolgt habe, hat sich Scholl für die Nationalelf auch gar nicht selbst ins Gespräch gebracht, oder?

    Ich fand eh, dass er seine beste Szene der letzten Jahre abseits des Fussballplatzes hatte (wer kennt Lammbock?).

  3. Matt behauptet:

    „Wie soll ein Spieler, der selten die vollen 90 Minuten absolviert, als Edeljoker zum erfolgreichen Turnier beitragen?“

    Genau das ist der Punkt: Scholl soll ja nicht 90 Minuten rennen, sondern u.U. 20-25 Minuten in der Endphase für frischen Wind sorgen. Genau diese Rolle füllt er ja jetzt schon längere Zeit bei den Bayern herausragend aus. Und für genau diese Rolle könnte es Sinn machen, ihn mitzunehmen. Wenn ich an die anderen potentiellen Einwechselspieler denke: Die sind normalerweise Stammspieler. Auf 20 Minuten könnten sie aber Scholl wahrscheinlich nicht das Wasser reichen. Und insbesondere sind sie keine Experten, die nach einer Einwechslung von 0 auf 100 durchstarten können.

    Aus meiner Sicht hat das nichts mit Reformunfähigkeit zu tun. Im Gegenteil: Klinsi hat sich auf eine Linie festgelegt. Auch wenn es bedeutet, dass ein perfekter Role-Player wie Scholl wohl nicht mitfährt oder der drittbeste deutsche Innenverteidiger einer Durchschnittsmannschaft (BVB) vielleicht Stamm spielt, während die Nummern 1 und 2 keine Chance bekommen (bei Brzenska ok, bei Wörns in Anbetracht der „Konkurrenz“ in der Verteidigung ein Witz, dass er nicht mal mitgenommen wird). Klinsi ist hier zu starrsinnig – zu reformunwillig quasi…

  4. horst behauptet:

    nur: warum verschwendet man einen platz im kader für einen spieler der max. 20 min gas geben kann? dann lieber einen jungen mittelfeldspieler mehr nominieren.

    @ abwehr: schweres thema, wörns hat sich selber mit seinen äußerungen aus dem team geschossen da kann er jetzt noch so gute leistungen abliefern. hätte klinsmann ihn nach dem gezeter noch nominiert hätte ihn keine sau ernstgenommen. ein ähnliches muster wie im fall kahn: öffentlicher druck, klinsmann scheinbar isoliert und probt den rundumschlag.

    im endeffekt hat man den eindruck team & coach würden von der bild sabotiert um schlagzeilen zu produzieren.

  5. Matt behauptet:

    @horst
    Ich sehe die Kaderbegrenzung nicht so als ganz großes Problem an. Realistisch betrachtet kommen aus dem 20er-Kader (Torhüter rausgerechnet) ohnehin nur 16,17 Leute ernsthaft für die 10 Startplätze in Frage (wenn man schon hier und da den möglichen Ausfall eines Stammspielers einkalkuliert).

    Bleibt also mehr als genug Platz für einen „reinen“ Joker.

  6. Andi Herzog behauptet:

    Ich will ja nischt sagen, aber auf Spiegel Online habe ich gerade gelesen, dass der Klinsmann, Jens „Die Axt“ Nowotny zum Fitnesstest eingeladen hat. Sollte diese Meldung stimmen, entspricht das ja auch nicht wirklich dem Konzept der Erneuerung, welches Klinsi durchzuziehen sucht.

  7. Dieter Eilts behauptet:

    In den Videotexten steht diese Nachricht auch. Wenn Klinsi den wirklich mitnehmen sollte dann Gute Nacht Deutschland *grusel*

  8. olli behauptet:

    Ich stimme mit dem Autor des Artikels vollommen überein! Scholl nur wegen zwei, drei guter Leistungen mit zur WM zu nehmen wäre totaler Schwachsinn. Zumal wir im linken Mittelfeld (Scholls bevorzugte Position in der Nationalmanschaft) mit Borowski und Schweinsteiger genügend Kräfte haben.

    Also Klinsi, bloß nicht reinreden lassen! Bei der Torwartfrage hat das ja schon gut geklappt.

  9. Andi Herzog behauptet:

    Ich denke auch, dass es Schwachsinn wäre, den Scholl mitzunehmen, aber wenn der Klinsi dem Nowotny den Hof macht, dann muss mal fragen dürfen, wie es um seine Jugendbewegung bestellt ist. Zumal er den Wörns ja auch nicht mitnehmen wollte, weil er zu alt ist. Bei allem Respekt, aber Wörns ist im Moment schon besser als Nowotny. Dass sich Wörns dann selber aus dem Kader geredet hat, lassen wir mal außen vor.

  10. Matt behauptet:

    Der helle Wahnsinn! Wörns ist immer konstant einer der besten deutschen Innenverteidiger (kein Kunststück…), wird aber nie nominiert. Aber den Nowotny nach 2-3 Spielen wieder mitnehmen. Das verstehe wer will…

  11. björn behauptet:

    kann man allenfalls damit begründen das er für den schwächsten mannschaftsteil einen spieler mit erfahrung will. begeistert bin ich trotzdem nicht, das ist schließlich abkehr von der „reinen lehre“ ;)