GEW vs. Nationalhymne

16. Juni 2006 | 14:22 von Björn Hornemann

GEW vs. NationalhymneBeflügelt durch die WM wird Pop-Patriotismus zum Trend des Sommers. Schwarz-rot-gold flattert es an den PKW und Balkonen der Republik und die Nationalhymne wurde seit jener unseligen Periode ´33-45 wohl selten so inbrünstig intoniert, wie am Mittwoch im Dortmunder FIFA-WM Westfalenstadion. Kein Zweifel, die Marke Deutschland scheint das Trendprodukt des Sommers 2006 zu sein.

Derartige Liebesbekundungen zur Heimat wecken hier, wo die Geschichte bekanntermaßen dunkle Pfade beschritt, oft Mahner auf den Plan. So auch die Lehrergewerkschaft GEW. Früher vertraten die einstigen Barrikadenkämpfer Arbeitnehmerinteressen. Heute interessieren sich viele Arbeitnehmer nicht mehr für die Vertretung. So läuft das eben.

Auf der Suche nach einer Existenzberechtigung muss man als Gewerkschaftsfunktionär am Ball bleiben, da kann man in Zeiten des nationalen Hypes auch schon einmal eine 16 Jahre alte Studie hervorkramen, diese an allen hessischen Schulen verteilen und argumentieren, die Hymne transportiere eine Stimmung des Nationalismus und gehöre zum reaktionären „deutsch-nationalen Erbe“.

Man muss die GEW-Mitglieder bedauern. Wärend sich der Rest des Landes beim Autokorso, Public-Viewing oder Stadionaufenthalt der neuen Leichtigkeit hingibt, üben sie sich vermutlich im traditionellen Selbstzweifel.

Nationalistische Gefühle bei Spielen der Nationalmannschaft, wo die Hauptakteure des deutschen Sturms in Polen bzw. der Schweiz aufwuchsen und Geheimwaffe Odonkor einen ghanaischen Vater hat? Absurde Denkweisen. Aber dafür ist man Gewerkschafter. Die wirken in der heutigen Zeit auch irgendwie absurd und rückwärtsgewandt.

Randnotiz: Die Melodie zur Nationalhymne wurde von Joseph Haydn komponiert und war zeitweise die Hymne des damaligen Österreich-Ungarn. Der Text wirkt dennoch ungemein aktuell: Gott erhalte Franz, den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz! Lange lebe Franz, der Kaiser, In des Glückes hellstem Glanz!

» Bildquelle: Flickr

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4 Kommentare zu “GEW vs. Nationalhymne”

  1. Der Sport Typ behauptet:

    Die Kritik des GEW kommt nicht ganz zu unrecht – nur eben zum völlig falschen Zeitpunkt. Deutschland und Flaggenpatriotismus gehören in der Tat nicht zusammen. Deshalb wird es sicher kein Verlust sein, wenn die Fahnen Mitte Juli wieder von Balkon geholt werden. Zu einer Zeit, in der ein 2:0 für Ghana gegen Tschechien mit „Oh wie ist das schön“-Gesängen gefeiert wird, ist ein Hinweis auf die deutsche Geschichte allerdings nicht sehr angebracht. Zudem: warum eigentlich die GEW? Käme die Kritik vom Deutschen Historikertag oder dem Zentralrat der Juden, könnte man sie zumindest verstehen. Doch selbst der israelische Botschafter in Deutschland zeigt sich im ZDF positiv überrrascht. In diesem Sinne: Party on bis zum 9.7.!

  2. Norbert behauptet:

    Die GEW übertreibt etwas, finde ich. Gesunder Patriotismus, der nicht in Nationalismus ausartet, ist nicht verwerflich.

  3. blog.fanfaktor.de - das fußball-blog » Rückzug behauptet:

    […] GEW-Chef Thöne hat seine Kritik an der Nationalhymne nicht so gemeint und sagt nun: […]

  4. Pirat behauptet:

    Ich bin stolz die deutsche Fahne schwenken zu dürfen.
    Gesunder Patriotismus kann nicht schaden wenn er im Rahmen bleibt.